Welchen Weg geht Erdogans Türkei? Erdogan, der Autokrat: Tendenz zum Islamismus.

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Erdogan, der Autokrat: Tendenz zum Islamismus.

„Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“

Dieser Satz spiegelt die Glaubenswelt von Recep Tayyip Erdogan wider. Gesagt hatte er es bei einer politischen Rede im Jahre 1998. Er zitierte damit einen osmanisch-türkischen Nationalisten aus dem Jahr 1912. Weil diese Rede 1998 dem kemalistisch-laizistischen Regime in der Türkei nicht gefiel, musste der religiös-konservative Erdogan wegen „religiöser Hetze“ für einige Monate ins Gefängnis. Heraus kam er nicht geläutert, sondern nur vorsichtiger. Seine Politik läuft immer noch auf ein Ziel hinaus: Die Abkehr vom säkular-westlichen Kurs, den einst der große Reformer Mustafa Kemal Atatürk vorgab, und die rückwärtsgewandte Orientierung an den traditionellen islamischen Wurzeln. Im Hintergrund klingt die Nostalgie des Osmanischen Reiches.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, das ist der Mann, der Israels Gaza-Politik mit Hitlers Völkermord verglich, der IS-Kämpfer über seine Grenzen nach Syrien schlüpfen ließ, der kurdische Gebiete in Syrien genauso bombardiert wie Gebiete des IS, der die Pressefreiheit im eigenen Lande einschränkt, Zeitungen vom Staat übernehmen lässt, soziale Netzwerke wie Twitter und YouTube blockieren ließ, Demonstranten brutal von der Polizei vertreiben ließ und die Aufdeckung von Korruptionsskandalen behinderte.

Erdogan ist Autokrat und Islamist. Das Autoritäre hatte er von den Vorgängerregierungen gelernt. Mit politischer Opposition war man in der Türkei schon immer hart ins Gericht gegangen. Das hatte auch Erdogan erlebt, als er noch in der Opposition war. Er war ein gelehriger Schüler. Nun hat er den Spieß umgedreht.

Oppositionelle werden nicht nur in der Türkei unter Druck gesetzt. Auch im Ausland geht man hart zur Sache. Wie unter anderem in der ZDF-Sendung Frontal 21 gezeigt wurde, spioniert der türkische Geheimdienst massiv in Deutschland, um deutsch-türkische Kritiker ausfindig zu machen und zu bespitzeln, damit diese ihr Gedankengut nicht in die Türkei tragen.

Auch die Aktivitäten von Kurden in aller Welt werden von der türkischen Regierung und den türkischen Geheimdiensten genauestens verfolgt. Wer sich in seiner Macht bedroht sieht, greift unaufhörlich zu immer umfangreicheren Sicherheitsmaßnahmen.

Da passt es gut ins Bild, wenn Erdogan nun gegen den Satiriker Jan Böhmermann vorgeht. Denn zur Sicherung der Macht gehört auch die Pflege des Images. Und da scheint Erdogan keinen Spaß zu verstehen.

Autoritäre Tendenzen in einer nicht perfekten Demokratie

War die Türkei jemals eine wirklich säkular-liberale Demokratie im westlichen, im europäischen Sinne? Auch wenn es eine Zeit lang den Anschein hatte, dass die Türkei sich auf Europa zubewegt und Teil des Abendlandes wird, so hat sie unlängst kehrt gemacht und wieder den gegenteiligen Weg beschritten. Als Brücke zwischen Europa und Asien, zwischen Okzident und Orient, zwischen Säkularismus und Islam war die Türkei schon immer in einer Sonderstellung, stets in der Schwebe zwischen den Welten.

Mustafa Kemal Atatürk hatte einst die Türkei auf radikale Weise umkrempelt und den anatolischen Teil des Osmanischen Reiches zum modernen türkischen Nationalstaat umgeformt. Das arabische Schriftsystem wurde von lateinischen Lettern abgelöst, der Turban wurde verboten und durch den Fez ersetzt, Frauen durften sich nicht mehr verschleiern. Das Ziel der Kemalisten hieß Europa.

Doch der Wind hat sich gedreht. Unter der nun regierenden AKP und ihrem Anführer, wird das Rad der Zeit wieder Schritt für Schritt zurückgedreht. Nicht mehr der moderne, laizistische und europäische  Staat, um sich Europa anzuschließen, scheint das Ziel zu sein, sondern eine Art osmanische Renaissance mit Großmachtambitionen. Die Türkei ist auf dem besten Wege, wieder ein Global Player zu werden. Warum den Tanz der anderen mittanzen, wenn man selbst den Rhythmus bestimmen kann?

Erdogans Türkei strotzt vor Selbstvertrauen: Man weiß um die eigene Bedeutung

Der berühmte US-amerikanische Präsidentenberater und Außenpolitiker Zbigniew Brzezinski hatte das Gebiet von der Ukraine über die Türkei, Aserbeidschan bis zum Iran als geostrategischen Dreh- und Angelpunkt bezeichnet. Hier werden die Zugangswege zu den Ressourcen des Nahen Ostens und Zentralasiens kontrolliert und nur von hier aus könne Russland isoliert werden.

Erdogan scheint sich der zentralen Lage der Türkei bewusst zu sein. Man hat eine geographische Schlüsselstellung, die für den Russland-Ukraine-Konflikt, für die Verbindung zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer, zwischen Südosteuropa und Vorderasien, zwischen EU und der islamischen Welt von einzigartiger Bedeutung ist. Durch die Türkei laufen die wichtigsten Erdölpipelines vom Kaspischen Meer nach Europa. Neue Erdgaspipelines sind im Bau. Diese Pipelines braucht der europäische Markt, um von Importen aus Russland unabhängiger zu werden. Gleichzeitig hat die Türkei eine Schlüsselfunktion im Irakkonflikt und im Syrienkrieg inne. Was Brzezinski theoretisch ausgeführt hat, setzt Erdogan in die Praxis um.

Ein anderer bekannter US-Geostratege, George Friedman, hat der Türkei in diesem Jahrhundert eine besondere Rolle prophezeit. In seinem Buch „Die nächsten 100 Jahre“ hat er unter anderem die künftige Rolle der Türkei beschrieben. Die Türkei werde sich von ihren europäischen Ambitionen lösen und wieder dem Nahen Osten und den zentralasiatischen Regionen der Turkstaaten (Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisistan, Turkmenistan) zuwenden.

Exakt dieser Prozess ist bereits eingetreten. Erdogans Türkei hat zwei Chancen, eine Führungsrolle zu übernehmen und als Hegemonial- und Schutzmacht aufzutreten: Als Schutzmacht der sunnitischen Muslime im Nahen Osten und als Schutzmacht der Turkstaaten in Zentralasien. Damit ist zugleich der türkische Einfluss auf zwei der bedeutendsten Ressourcenregionen vorgezeichnet. Denn sowohl das Kaspische Becken als auch die Region des Persischen Golfes werden in Fragen der Erdöl- und Erdgasversorgung die strategischen Hot Spots der Welt bleiben.

Die Türkei hat also allein aufgrund ihrer Lage das Potential, die Interessen Russlands, der USA, Europas, des Iran und der Golfstaaten gegeneinander auszuspielen. Hinzu kommt noch der demographische Faktor der relativ jungen und schnell wachsenden Bevölkerung. Schon jetzt hat die Türkei mehr Einwohner als Frankreich oder Großbritannien. In wenigen Jahren wird die Türkei auch Deutschland überholt haben.

Ein weiterer Aspekt sind die vielen Auslandstürken in Europa, insbesondere in Deutschland. Sie werden als Faktor angesehen, um Einfluss auf die europäischen Gesellschaften zu nehmen, sozusagen als Interessensvertreter der Türkei in Zentraleuropa. Während seines Deutschlandbesuches im Jahre 2011 hatte Erdogan vor mehr als 10.000 begeistern türkischen Anhängern in Düsseldorf eine umstrittene Rede gehalten, in welcher er die Türken dazu ermahnte, sich nicht allzu sehr an die europäische Kultur zu assimilieren, sondern Türken zu bleiben. Außerdem sprach er davon, dass sich die Türkei als Schutzmacht aller Auslandstürken verstehe.

Zusammenfassend kann man folgendes Fazit ziehen: Die geopolitische und wirtschaftliche Bedeutung der Türkei wird zunehmen. Dies spielt Erdogan weitere Macht zu, die er für sich und für den politischen Weg seiner Regierung ausnutzen wird.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Freien Welt.