Türkei: Der untaugliche NATO-Verbündete

Ein Bericht des Instituts für Strategische Studien Berlin.

Die Türkei ist NATO-Mitglied. Dennoch schert sie immer wieder aus gemeinsamen Strategien aus, um eigene Ziele zu verfolgen. Dabei konterkariert sie die Bekämpfung des islamistischen Terrorismus.

Recep Tayyib Erdogan ist ein Pokerspieler. Er lässt sich nicht in seine Karten gucken. Mal preist er die NATO-Bündnistreue der Türkei. Ein anderes Mal brüskiert er die USA, ja droht sogar Washington, wie beim Streitfall um die Herausgabe seines gesuchten Erzfeindes Gülen. Mal bringt er die NATO an den Rand eines schweren Ernstfalles, indem er Russland provoziert oder seine Luftabwehr einen russischen Kampfjet abschießt. Ein anderes Mal ärgert er Brüssel und Washington, indem er die Nähe zu Wladimir Putin sucht. Mal beschimpft er Israel und lässt einen Wutschwall an antisemitischen Äußerungen über den Äther klingen. Dann sucht er wieder die Annäherung an Jerusalem. Mal kündet er gegenüber der EU die Kooperation in der Flüchtlingskrise an, dann nutzt er die Schlüsselposition seines Landes, um Europa Zugeständnisse abzuringen. Mit Angela Merkel spielt er Katz und Maus.

Jüngstes Beispiel türkischer Unzuverlässigkeit: Das Spiel an den Grenzen zu Syrien und dem Irak. Immer wieder stoßen türkische Truppen über die Grenze. Stets geben sie vor, gegen den „Islamischen Staat“ (IS) vorzugehen. Doch dann gehen die türkischen Truppen gegen kurdische Stützpunkte vor. Denn das ist das eigentliche Ziel von Erdogans Regierung in der Region: die Zerstörung der kurdischen Autonomiebestrebungen im Norden des Irak und vor allem Syriens, wo die Volksbefreiungseinheiten der YPG des kurdischen „Freistaates“ Rojava agieren. Damit konterkarieren die Türken sowohl die Aktionen der US-Amerikaner als auch jene der Russen in Syrien. Vor allem aber ist die Aktivität der Türkei in der Region eine indirekte Hilfe für den IS, weil die Kurden die engagiertesten Gegner im Kampf gegen den IS sind. Doch das türkische Militär fällt ihnen immer wieder in den Rücken.

Warum nehmen die USA das alles hin? Die US-Amerikaner haben weniger Einfluss auf die Türkei, als man glauben mag. Ein Offenbarungseid war, dass die US-Streitkräfte beim Golfkrieg von 1991 und beim Irakkrieg von 2003 nicht vom türkischen Boden aus in den Irak einmarschieren durften. Dabei wäre es so praktisch gewesen. Viel schneller hätten die US-Truppen zu den kurdischen Ölfeldern vordringen können. Aber die Türken ließen es nicht zu. Also mussten die Amerikaner von Süden aus über die Golfstaaten operieren.

Türkei ist nur wegen der idealen geographischen Lage in der NATO

Man muss es ehrlich auf den Punkt bringen: Die Türkei war 1952 in die NATO aufgenommen worden, um eine südwestliche Flanke zur Stationierung von Waffen gegen die Sowjetunion zu bekommen. Das war der entscheidende Beweggrund. Die geographische Lage ist schlichtweg zu verführerisch: Als Brücke zwischen Europa und Asien, als Tor vom Mittelmeer zum Schwarzen Meer, ist die Türkei geostrategisch der ideale Bündnispartner – zumindest auf der Landkarte.

Man hatte es damals in Kauf genommen, mit Griechenland und der Türkei zwei verfehdete Staaten in das Bündnis einzubeziehen. Immerhin konnten die US-Amerikaner dort letztendlich für mehrere Jahrzehnte ihre Atomraketen stationieren. Im Rahmen der nuklearen Teilhabe konnten im Ernstfall die türkischen Streitkräfte mit US-Atomwaffen bestückt werden, um gegen Russland zu fliegen. Die NATO und der Warschauer Pakt trafen somit nicht nur in Zentraleuropa zusammen, sondern auch am Berg Ararat. Die alte Kaukasus-Front zwischen dem Osmanischen Reich und dem Russischen Reich war schließlich auch eine Front des Kalten Krieges geworden.

Quantitativ hat die Türkei heute die größte NATO-Streitmacht nach den USA. Rund 600.000 Soldaten stehen parat. Größtenteils handelt es sich um Wehrpflichtige. Die Wehrpflicht in der Türkei ist berüchtigt. Der Dienst ist kein Zuckerschlecken. Rund 30.000 Soldaten haben in den letzten drei Jahrzehnten ihr Leben verloren. Meistens starben sie im Einsatz gegen kurdische Rebellen. Einige kamen bei Putschversuchen ums Leben. Aber auch der normale Wehrdienst fordert immer wieder Opfer. Dazu gehören Unfälle und die brutale Ausbildung sowie die Willkür der Ausbilder, Unteroffiziere und Offiziere gegenüber den einfachen Rekruten.

Die türkischen Streitkräfte sind modern ausgerüstet. Panzer, Kanonen, Fahrzeuge sind oft aus Deutschland importiert. Die Flugzeuge stammen größtenteils aus US-Produktion. Eine nennenswerte eigene Rüstungsindustrie hat die Türkei jedoch nicht. Aus eigener Kraft könnten die Türken keine technische moderne Armee aufbauen.

Wie mit der Türkei umgehen?

Erdogan ist sich der Schlüsselstellung seines Landes bewusst. Daher kann er geschickt damit spielen. Angesichts der wachsenden Spannungen zwischen der NATO und Russland und der Nähe zur Ukraine und zu Georgien kann das atlantische Bündnis nicht auf die Türkei verzichten.

Auch die EU kann auf eine Kooperation mit der Türkei nicht verzichten, da sie auf die Pipelines angewiesen ist, die das Erdöl und das Erdgas aus dem Kaspischen Becken nach Europa befördern, um von den russischen Energieressourcen unabhängiger zu werden.

Schließlich ist die Türkei zu groß, als dass man bei Sicherheitsfragen des Nahen und Mittleren Ostens auf ihre Mitwirkung verzichten zu könnte. Hinzu kommt ihr Einfluss auf die Turkstaaten Zentralasiens.
Für die nahe und mittlere Zukunft ist daher zu erwarten, dass die Regierung Erdogan auch weiterhin ihr eigenes Spiel aufziehen wird, ohne dass der Westen etwas dagegen unternehmen kann. Die Türkei wird zwangsläufig Partner bleiben. Doch wird nach den Ereignissen der vergangenen Monate und Jahre sich niemand mehr auf Ankara verlassen wollen. Die Amerikaner haben bereits ihre Konsequenzen daraus gezogen und verlegen ihre Atomwaffen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf freiewelt.net