Das Wiedererstarken der türkischen Identität

Erdogan forciert türkisches Nationalbewusstsein

Patriotismus, kulturelle Zugehörigkeit, Wiederbesinnung auf das Osmanische Reich und den Islam als identitätsstiftende Merkmale haben zu einem neuen Selbstbewusstsein der Türken geführt.

Ein Bericht des Institus für Strategische Studien Berlin e.V. Zuerst erschienen auf der Freien Welt.

Erdogan baut seine Macht aus. Ein großer Teil der türkischen Bevölkerung applaudiert ihm zu. Außenpolitisch brüskiert die Türkei erst Russland und dann die USA. Mit der EU spielt man Katz und Maus. Jetzt hat der türkische Außenminister der EU sogar ein Ultimatum gestellt: Wenn die EU kein konkretes Datum für die Visa-Freiheit nennt, dann werde es kein Flüchtlingsabkommen geben.

Am Sonntag haben zehntausende Türken in Köln ihre roten Nationalfahnen mit Halbmond und Morgenstern geschwenkt und Erdogan ihre Gefolgschaft versichert. Der türkische Präsident ist unter Deutschtürken sehr populär. Die Türken in Deutschland, aber auch in der Türkei selbst, treten immer nationalbewusster auf. Sie haben ihre religiöse, nationale und ethnische Identität wiederentdeckt. Political Correctness und identitätsbezogene Bescheidenheit, wie sie in Deutschland propagiert werden, haben bei ihnen keinen hohen Stellenwert. Sie sagen frei heraus, was sie denken, wen sie lieben, wen sie hassen. Dass Erdogan so hart durchgreift, deuten viele Türken als Stärke. Sie halten ihn für eine starke Führerfigur.

Erdogans Nation wird immer selbstbewusster

Das Nationalgefühl der Menschen in der Türkei war in den letzten Jahrzehnten stets ungetrübter als in Deutschland. Es gab und gibt keine Hemmungen, nationale Stimmungen und ethnische Identität auszudrücken. Ebenso wenig gibt es Hemmungen, Vorurteile und Abneigungen gegen andere Völker und Gruppen zum Ausdruck zu bringen. Wenn es um die Kurdenfrage geht, sind sich die meisten Türken einig: Kurdistan gibt es nicht und die Kurden werden niemals ein eigenes Land bekommen.

Unter der islamistischen AKP-Regierung und ihrem derzeitigen Präsidenten Recep Tayyib Erdogan jedoch hat sich das Nationalbewusstsein verstärkt und ein neues Gesicht bekommen. Während nach dem Untergang des Osmanischen Reiches die türkische Identität mühevoll mit kemalistischen Ideen aufgebaut wurde, hat sich in den letzten zehn bis zwanzig Jahren langsam aber deutlich eine neue Identität breit gemacht.

Es handelt sich um eine Kombination aus fünf Entwicklungen:

Zum einen lebt ein wichtiger Bestandteil des kemalistischen Gedankenguts fort, auch bei den AKP-Anhängern rund um Erdogan. Wo immer er auftritt, ist im Hintergrund nicht nur eine türkische Flagge zu sehen, sondern oftmals auch ein großes Porträt von Mustafa Kemal Atatürk, dem Vater der modernen Türkei. Dies war selbst in der ersten großen Pressekonferenz nach dem gescheiterten Putsch der Fall.

Zweitens hat sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die pan-türkische Idee wieder ausgebreitet. Die Türkei sieht sich als Geschwisternation und Schutzmacht der zentralasiatischen Staaten der Turkvölker. Dazu gehören Kasachstan (Turkvolk der Kasachen), Usbekistan (Turkvolk der Usbeken), Turkmenistan (Turkvolk der Turkmenen) und Kirgisien (Turkvolk der Kirgisen). Lediglich Tadschikistan fällt aus dem Rahmen, weil die Tadschiken indoeuropäische Iraner sind und wie viele Gruppen in Afghanistan eine dem Persischen verwandte Sprache sprechen. Mit dieser Einflussnahme konkurriert die Türkei direkt mit Russland um Einfluss auf den innerasiatischen Raum. Hinzu kommt noch das westlich des kaspischen Meeres gelegene Aserbaidschan, dessen Einwohner ebenfalls eine Turksprache sprechen. Von Aserbaidschan führen wichtige Pipelines durch Georgien und die Türkei nach Europa.

Drittens ist die Erinnerung an das Osmanische Reich wieder aufgeblüht. Ob in politischen Reden oder in Fernsehsendungen: Das Osmanische Reich gilt wieder als goldenes Zeitalter, an das man gern erinnert. Das Osmanische Reich war nicht nur Hegemonialmacht des Nahen und Mittleren Ostens, sondern als Kalifat auch ein religiöses Zentrum der Sunniten und damit eine Großmacht in der islamischen Welt.

Viertens haben viele Auslandstürken insbesondere in Europa wieder ihre alte Identität entdeckt. Die jungen Türken in Deutschland haben sich aufgespalten: Die einen sind quasi zu Deutschen geworden und haben sich hervorragend assimiliert. Doch die andere Hälfte hat sich zwischen den beiden Wurzeln – Türkei und Deutschland – nicht entscheiden können. Das sind all die jungen Menschen, die in der Türkei als Deutsch und in Deutschland als Türken gelten. Diese jungen Menschen zwischen den Welten haben nun ihre türkischen Wurzeln wiederentdeckt und nutzen diese, um sich in Deutschland vom Rest der Gesellschaft abzugrenzen. Ein Symbol für diese Entwicklung ist das vermehrte Tragen des Kopftuches und die verstärkte Hinwendung zum Islam. Viele junge Türken und Türkinnen vertreten heute konservativere und religiösere Ansichten als ihre Elterngeneration, die von wenigen Jahrzehnten in Deutschland eingewandert ist.

Fünftens spielt das Zusammenrücken in der Krise eine große Rolle. Die Türkei ist durch den Syrienkrieg in Mitleidenschaft gezogen worden. Hinzu kommt die erneute Eskalation des Kurdenkonfliktes. Schließlich wird das Land von Terroranschlägen heimgesucht, die auch auf das Konto radikal-islamistischer Terrorgruppen die dem „Islamischen Staat“ (IS/DAESH) gehen. Schließlich kam der gescheiterte Putsch der Kemalisten hinzu. Diese Ereignisse fordern die Menschen heraus, klar und deutlich Partei zu ergreifen. Das führt dazu, dass ein großer Teil der Türken sich verstärkt mit seinen ethnischen und kulturellen Wurzeln sowie mit der religiös-politischen Linie der regierenden AKP identifiziert.

Welche Bedeutung haben diese Entwicklungen für Deutschland?

Die Zahl der Türken in Deutschland war in den letzten Jahren rückläufig gewesen, weil immer Türken in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Der Grund für diese Entwicklung war der anhaltende Wirtschaftsaufschwung in der Türkei und die Perspektivlosigkeit vieler Türken in Deutschland.
Doch dieser jüngste Trend könnte sich schnell wieder umdrehen, wenn die Konflikte in der Türkei weiter wachsen. Je mehr Anschläge die Islamisten verüben und je intensiver die radikalen Kurden (PKK) für ihre Ziele kämpfen und je härter die türkische Regierung zurückschlägt, desto mehr eskaliert die Lage. Dies wird viele Türken veranlassen, das Land zu verlassen.

Hinzu kommen die Folgen des gescheiterten Putsches. Türken, die in dieser Frage auf der falschen Seite standen, werden in der Türkei kaum noch eine Chance auf eine berufliche oder gesellschaftliche Zukunft haben. Mehr als 50.000 Staatsbedienstete (Lehrer, Professoren, Soldaten, Polizisten, Richter, etc.) sind bereits suspendiert worden. Regierungskritische Medien werden aufgeräumt. Das Militär wird von der Opposition gesäubert. Hinzu kommen alle Türken, die mit dem Anliegen der Kurden sympathisieren oder Anhänger der sogenannten Gülen-Bewegung sind. Auch Türken, die sich für einen säkularen Staat einsetzen und der Islamisierung widerstehen, haben es zunehmend schwer. Sie alle werden in der Türkei keine Zukunft mehr haben.

Es ist davon auszugehen, dass Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland in Zukunft selbstbewusster auftreten werden. Sie werden nicht nur auf Anerkennung ihrer Kultur pochen, sondern sich aktiv daran beteiligen, die deutsche Gesellschaft mitzuprägen und mitzugestalten.

Auf internationaler Ebene wird die Türkei als NATO-Staat selbstbewusst und unabhängiger werden. Man erkennt heute schon, wie Erdogan die Interessen der USA und Russlands und der EU gegeneinander ausspielt. Die USA haben bei all diesen Entwicklungen nur wenig Einfluss auf das Geschehen in der Türkei. Das ist allerdings nichts Neues. Selbst im Golfkrieg und im Irakkrieg hatte sich das NATO-Land Türkei geweigert, den US-Truppen die Möglichkeit zu bieten, von Norden her in den Irak einzumarschieren. Stattdessen mussten die Amerikaner von Süden (Saudi-Arabien, Kuwait) einrücken. Deutschland hätte gegenüber den USA sicherlich nicht so souverän eigene Interessen verteidigt.

Fazit: Die Türken in der Türkei und in Europa werden immer selbstbewusster. Es ist die Renaissance einer starken Identität, die nationale, ethno-kulturelle und religiöse Züge trägt.